Speech to the Exhibitionopening “Aufbruch” – Franz Brück, Maria Therese Laub, Juliane Werner“ in Galerie Iris Schuhmacher, Berlin, 14.08.08 by Katharina Hausel. – in German.

Rede zur Ausstellungseröffnung „Aufbruch” – Franz Brück, Maria Therese Laub, Juliane Werner“ in der Galerie Iris Schuhmacher, Schlüterstrasse 30, 10629 Berlin, am 14.08.08 von Katharina Hausel.

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Hoch verehrtes Publikum, liebe Freunde und Freundinnen der Kunst – der Lichtbildkunst!

Die Fotografie hängt von der Wirklichkeit ab. Doch die Wirklichkeit wird von den fotografierenden Menschen immer interpretiert. Das heißt, Fotografien sind subjektive Realitätswahrnehmungen, die in konkrete Abbildungen gefasst wurden. Maria Therese Laub, Franz Brück und Juliane Werner suchen ihren Gegenstand in der konkreten Wirklichkeit. Sie orientieren sich an wirkungsvollen Ausdrucksformen aus dem kollektiven Bildgedächtnis, (deswegen erkennen wir darin immer irgendetwas wieder). Digitale Bearbeitungstechniken dienen ihnen lediglich zur Verdeutlichung. Handwerkliches Können prägt die hohe Qualität ihrer Arbeiten. Das haben alle drei bis vor kurzem noch im Fachbereich Fotodesign an der Lette-Schule gelernt.

Der Lette-Verein bildet ja bereits seit 1890 Fotografen aus; zunächst nur für Frauen und erst ab 1910 auch für Männer. Zu den berühmten Lette-Absolvent(inn)en gehören unter anderen Frieda Riess (1913-15), deren Arbeit derzeit in der Berlinischen Galerie vorgestellt wird, Marianne Breslauer (1927-29), deren wunderschöne Porträts von Annemarie Schwarzenbach gerade im Literaturhaus zu sehen waren, und Erna Lendvai-Dircksen (1909-10), berühmt für ihre Porträts von Deutschen, wie sie die Nationalsozialisten sehen wollten.

In den Lebenswerken der genannten Vorbilder dominiert das Porträt, geprägt durch ihren jeweils unterschiedlichen Stil. Die Bildauffassungen von Maria Therese Laub, Juliane Werner und Franz Brück drücken sich in diversen Gattungen aus. Und auch ihre verschiedenen kreativen Persönlichkeiten verleihen dem einzelnen Resultat einen individuellen Stil. Dabei setzt sich in den Arbeiten von allen dreien eine starke Empfindsamkeit durch, die in einer gewissen Ruhe, die den Bildern eigen ist, umso tiefer berührt. Das passiert häufig, wenn Künstler in ihren Werken bei den Betrachtern Empfindungen hervor rufen, für die nur schwer Worte zu finden sind. Deswegen arbeiten sie ja mit der Bild- und nicht mit der verbalen Sprache. Ich nenne das mal „eine leise Lautstärke“.

Maria Therese Laub, (sie ist 1979 in Kopenhagen geboren), präsentiert 84 kleine Sachfotografien in einem fröhlich bunten Tableau. Dabei handelt es sich um die chronologisch serielle Anordnung von Bildern der Verpackungsmülltüten, die während 365 Tagen in ihrem 2-Personen-Haushalt angefallen sind.

Vorbilder können die Fotografien von Karl Blossfeldt gewesen sein, die im Jahr 1926 zum ersten Mal in der Berliner Galerie von Karl Nierendorf ausgestellt waren und in zahlreichen Büchern publiziert sind. Doch im Gegensatz zu Blossfeldts schwarz-weissen Pflanzenbildern in engen Ausschnitten hat Maria Therese Laub heute auf die Verpackungsmülltüten wie auf temporäre Plastiken fokussiert. Sie adelt somit einen Gegenstand, der sonst gar nicht bewusst betrachtet wird. Die leuchtenden Farben des Abfalls wirken ästhetisch. Zusammen erscheinen die Fotografien als ein Katalog der entsprechenden Masse Müll – die Erscheinungsvielfalt in der Wiederholung des (nahezu) Gleichen. Die Arbeit ist konzeptionell: jede Tüte, im gleichen Abstand und Bildausschnitt bei gleicher Beleuchtung, erscheint in einem Rahmen, der Neutralität suggeriert. Muss man da nicht auch an die typologischen Studien von Bernd und Hilla Becher denken

Allerdings konzentriert Maria Therese Laub im Gegensatz zu den genannten Vorbildern den Zeitraum ihrer Studie auf ein einziges Jahr. Sie reflektiert das Phänomen des Abfalls im privaten Haushalt als ein intimes Produkt, in das man sich nicht gerne hinein schauen lässt. Schließlich können daraus Aussagen über das eigene Leben getroffen werden. Gleichzeitig erkennt sie darin einen Spiegel sozialer Systeme, ein gesellschaftliches Phänomen.

Das Problem der Abfallbeseitigung thematisiert sie in ihrem Diptychon „Seagulls“.

In Tokyo hat sie eine künstliche Insel gefunden, die seit 1977 aus einem Abfallberg empor wächst. Jedes Mal, wenn die Lastwagen, die durch einen Tunnel im Meer kommen, neuen Müll auf den Inselberg schaffen, stürzen sich die Möwen auf die frischen Reste. Obwohl die Fotografin die gute Organisation des Trennungssystems in Tokyo bewundert, weiß sie, dass auch dort bald Ablageplätze fehlen werden – wie überall.

Ihr Blick wirkt neutral und distanziert. Die Farben leuchten blass und gefällig. Ihre Bilder sind komponiert und transportieren einen ästhetischen Reiz, der zum Bildgegenstand in einem gewissen Widerspruch steht. Wie in dem Tableau der Abfalltüten wirkt auch hier die Ästhetisierung wie eine leise – doch nicht umso weniger kritische – Ironie.

Beim Anblick der aufgescheuchten Möwen könnte man ebenso an andere Fotografien denken, etwa von Kindern, die in Müllbergen wühlen, um zu überleben. Doch in Tokyo ist der Berg auffallend sauber und gepflegt, wie in der Aufnahme „Desert“ zu sehen ist.

…(red.)

Ich wünsche also den jungen Künstlern – im Aufbruch – sehr viel Erfolg und Ihnen ein großes Vergnügen beim Schauen in der Ausstellung!

Katharina Hausel